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2011-07-27  


Der ewige Zweite besteigt den Thron

Cadel Evans hat gestern Geschichte geschrieben. Als erster Australier gewann er die Tour de France.

Von Thomas Bachmann und Stefan Tabeling

Paris - Als Cadel Evans den Zielstrich auf dem Champs Elysees überquert hatte, ließ er seinen Gefühlen freien Lauf. Beim Australier flossen die Tränen, während er von seinen Teamkollegen fast erdrückt wurde. Bis zum letzten Meter hatte er der Sache nicht getraut. Statt sich vor der letzten Etappe der 98. Tour de France, wo traditionell nicht mehr attackiert wird, wie ein kleines Kind über sein Gelbes Trikot und den ersten Gesamtsieg zu freuen, hatte Evans nur einen Gedanken: "Hoffentlich regnet es nicht in Paris. Sonst erleben wir vielleicht noch ein Drama."

In der französischen Hauptstadt angekommen, durfte der Australier aufatmen. Es regnete nicht, alles ging gut. Das Pech, die vielen Defekte, die unzähligen Stürze in seiner Karriere haben offenbar tiefe Spuren bei Evans hinterlassen. Einst war er als Bruchpilot verschrien, als er sich kurz hintereinander zweimal das Schlüsselbein brach. Das Tour-Organ L'Equipe bezeichnete Evans einst als Mann "mit dem Gesicht eines traurigen Clowns".

Dank an Marcus Burghardt

Evans' Dank in der Stunde des Sieges galt vor allem seinem Team, in dem auch der gebürtige Zschopauer Marcus Burghardt als Edelhelfer seine Arbeit verrichtete. "Jeden Tag haben wir unser Bestes gegeben. Jeden Tag hat das Team 99,9 Prozent gegeben, wenn nicht sogar 100 Prozent", sagte Evans. Das Lob ging sogar soweit, dass Evans Burghardt seinen Etappensieg an der Mur de Bretagne widmete. 15 Kilometer vor dem Ziel hatte Evans einen Defekt und es war Burghardt, der sich vor seinen BMC-Kapitän spannte und ihn aus fast hoffnungsloser Situation wieder an die Spitze des Feldes brachte.

Erster australischer Sieger der Tour de France, erster australischer Weltmeister, erster australischer Etappensieger in einer großen Rundfahrt - es gibt viele Dinge, die Cadel Evans als Erster vollbracht hat. Dennoch war er vor allem als ewiger Zweiter bekannt, als der, der die Tour zweimal mit weniger als einer Minute Rückstand verloren hat.

Er habe viel Kritik einstecken müssen für seine zweiten Plätze, sagte Evans. Von daher sehe er seinen Toursieg aus einem ganzen anderen Blickwinkel. Es dauerte bis zu seiner siebten Tour und seinem siebten Tag im Gelben Trikot, bis auf dem Pariser Prachtboulevard die australische Nationalhymne für den 34-Jährigen erklang.

Down Under steht Kopf. Premierministerin Julia Gillard sei angeblich kurz davor, den 24. Juli zum Feiertag zu erklären. "Das ist absolut in Ordnung für mich", sagte Evans und strahlte über das ganze Gesicht. Schon einmal, als Australien 1987 den America's Cup gewann, wurde nach einem Sportereignis ein Feiertag ausgerufen. Doch damals, erklärte Evans, habe seine Familie noch keinen Fernseher gehabt, er habe das gar nicht verfolgt.

Der traurige Clown in Evans kam auch nach seinem überragenden Zeitfahren noch einmal zum Vorschein. Bei Evans flossen die Tränen, als er über seinen langjährigen Trainer Aldo Sassi sprach, der Ende vergangenen Jahres einem Gehirntumor erlegen war. "Was gäbe ich dafür, wenn er das jetzt sehen könnte", sagte Evans mit zittriger Stimme. Sassi habe immer an ihn geglaubt, auch als die ganze Welt ihn schon abgeschrieben hatte.

2004 noch bei der Sachsen-Tour

Vor 20 Jahren schaute sich Evans die Tour de France erstmals im Fernsehen an, vor sieben Jahren gab er schließlich sein Debüt. Eigentlich sollte Evans die Tour schon 2004 fahren, doch sein ungeheures Sturzpech verhinderte einen Start. Der damalige Telekom-Teamchef Walter Godefroot strich Evans aus dem Aufgebot, weil er nach Meinung des Belgiers ein Sicherheitsrisiko darstellte. Evans musste stattdessen die Sachsen-Tour bestreiten.

Nach einigen Jahren bei Lotto wechselte Evans zu seiner jetzigen Mannschaft BMC. Für ihn der offenbar entscheidende Schritt. "Wir sind immer ein Produkt unserer Umgebung", sagte Evans. Wenn Dinge schief liefen, werde er schnell nervös. Sportdirektor John Lelangue sei zum Glück jemand, der sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen lasse.

Evans selbst war nach der vorletzten Tour-Etappe vor allem dann ruhig, wenn es um das Thema Doping ging. Ob sein Sieg auch ein Ergebnis eines besseren Anti-Doping-Kampfes sei? "Kein Kommentar." Was er darüber denkt, dass es ein Toursieger sich auch mit kritischen Äußerungen auseinandersetzen muss? "Ich versuche ein gutes Beispiel zu sein, wenn andere Leute eine andere Meinung haben, dann ist das eben so." (dapd)

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