Freie Presse

Marcus Burghardt voller Glücksgefühle

Der Radprofi aus Zschopau feierte bei der vergangenen Tour de France ein besonderes Jubiläum. Nun visiert der Routinier weitere

ehrgeizige Ziele an.

VON MARTINA MARTIN

 

SAMERBERG/CHEMNITZ — Zum Verschnaufen nach einem seiner wertvollsten sportlichen Ereignisse kam

Marcus Burghardt bislang noch nicht. Unmittelbar nach der Rückkehr von der Tour de France startete der Radprofi bereits wieder bei Kriterien in Köln, Bischofshofen sowie im bayerischen Bruckmühl. Nachdem er in Österreich sogar triumphierte,

wurde er auch gestern Abend nahe seinem Wohnort Samerberg von den Tausenden Anhängern euphorisch gefeiert. Trotz der 22-tägigen Strapazen auf den Straßen Frankreichs nimmt er diese Auftritte gern wahr.

„Die Leute haben uns drei Wochen lang im Fernsehen zugeschaut und freuen sich, wenn

sie uns Fahrer dann auf den kurzen Rundkursen live und ganz nah erleben“, meint der 35-Jährige und schwärmt von der Begeisterung. Für seine dieses Mal außergewöhnliche

Leistung gab es dabei stets zusätzliche Glückwünsche. Denn Marcus Burghardt, der aus

Zschopau stammt, beim RSV Venusberg seine Laufbahn begann und diese am Stützpunkt in Chemnitz fortsetzte, feierte beim wichtigsten Etappenrennen der Welt in Paris ein Jubiläum. „Wow, du stehst zum zehnten Mal vor dieser tollen Kulisse

auf den Champs-Élysées. Das war schon ein erhabenes und stolzes Gefühl, als ich das erreicht hatte. Man hofft es von Beginn an, aber man muss auch ankommen“, lässt

der Deutsche Meister (2017) im Gespräch mit „Freie Presse“ noch einmal die emotionalen Momente Revue passieren. In den Annalen der Rundfahrt gibt es nicht viele Fahrer, die auf zehn oder mehr Teilnahmen der Frankreich-Schleife kommen.

 

„Erik Zabel hat 13 geschafft. Das traue ich mir auch noch zu“, frohlockte Marcus Burghardt in seiner derzeitigen Hochstimmung. Er nannte dieses Ziel als Wunsch,

wollte sich aber mit Blick auf die Zukunft nicht festlegen. Vielleicht beendet er seine Karriere auch eher, weil er einfach nicht mehr bis zu 250 Tage im Jahr von seiner Ehefrau und den beiden Töchtern Lena (8 Jahre) und Theresa (6) getrennt

verbringen will. „Momentan sind das aber weit entfernte Gedanken, dazu macht es mir alles noch zu viel Spaß“, sagt der Routinier. Im eigenen Ranking zählt er im Vergleich diese Tour zu den drei schönsten, die er bestritt. Er besaß nach einer sehr guten Vorbereitung eine Topform und konnte deshalb nicht nachvollziehen, dass einige

Kollegen mit der Anforderungen, die auf den Bergetappen natürlich auch von ihm alles abverlangten, haderten. Als einer der Edelhelfer in seiner deutschen Mannschaft Borahansgrohe freute er sich riesig, dass es gelang, dass Peter Sagan das Grüne

Trikot des Sprintbesten bis Paris verteidigen konnte. Die drei Etappensiege des mehrfachen Weltmeisters lagen dabei über den Erwartungen. Während sich Sagan später mit seinen Sturzverletzungen über die Berge quälte, erhielt er von seinen

Gefährten beste Unterstützung. Als Highlight nennt der gebürtigen Erzgebirger den ersten Triumph auf dem zweiten Abschnitt, als er den Slowaken bis 300 Meter vor dem

Ziel unterstützen konnte und dieser sich dann auch noch das Gelbe Trikot überstreifen durfte. Als Roadkapitän trug er erneut zusätzliche Verantwortung, wenn er unterwegs aus taktischer Sicht Entscheidungen traf. Diesen Vertrauensbeweis in sein Können und seine Erfahrungen übertrug ihm die Sportliche Leitung bereits zum dritten Mal – und sie

zeigte sich am Ende sehr zufrieden. „Wichtig ist auch, dass sich die Jüngeren an mir orientieren können“, beschreibt Marcus Burghardt diese Rolle. Nur das Vorhaben, den Polen Rafal Majka unter die besten fünf der Gesamtwertung zu führen, gelang nicht wie erhofft. Nach dessen Sturzpech auf dem Weg nach Roubaix verlor er viel Zeit, später –

gehandicapt durch die Sturzverletzungen – büßte er weiter Boden ein. Er selbst musste in der ersten Woche einmal, noch vor dem scharfen Start, eine unliebsame Bekanntschaft mit dem Straßenbelag machen. Die Prellungen und Schürfwunden

sorgten jedoch nur für drei, vier unruhige Nächte. Die weiteren zwei Rundfahrten,

auf die er gern zurückblickt, sind die von 2011, als er dem Australier Cadel Evans im BMC-Team zum Gesamtsieg verhalf, und von 2008, als er den damals dominierenden

Sprinter, den Briten Marc Cavendish, bei Columbia unterstütze. Vor genau zehn Jahren erkämpfte Marcus Burghardt zudem seinen bislang einzigen Etappensieg. „Sicher

wäre ein zweiter Erfolg dieses Mal passend gewesen, und das Ziel besteht immer. Aber man muss realistisch sein. Mit einem Peter Sagan in der Mannschaft ist es schwer.

 

Wenn man seinen Job für den Kapitän richtig machen will, dann darf man das nicht im Kopf haben“, stellt der Sachse klar. Dennoch, wenn sich mal eine plötzliche Chance ergibt ... Kurz vor der diesjährigen Tour musste er indes auch Abschied von seinem nationalen Meistertrikot, das er Ende Juni 2017 vor heimischer Kulisse in Chemnitz erkämpfte, nehmen. Er hängte es nicht einfach so auf den Bügel, sondern ließ sich etwas einfallen. So lud er seinen ersten Trainer Klaus Fischer, mit dem er nach wie vor regelmäßig Kontakt hält und der sich im Heimatverein RSV Venusberg um das von ihm geförderte Juniorteam kümmert, zum Höhentrainingslehrgang nach Livigno (Italien) ein. „Mit ihm verbrachte ich die letzten Tage im Meistertrikot. Es sollte ein Dankeschön für ihn sein“, berichtet Marcus Burghardt, der in dieser Saison noch einige Topereignisse

ins Visier nimmt: die Cyclassics in Hamburg, die wiederbelebte Deutschlandtour und hoffentlich auch die WM, für die jedoch die Nominierung über den Verband geht.

Aber beim derzeitigen Kader sieht er gute Chancen, als uneigennütziger Helfer zum Einsatz zu kommen. Für ihn besitzt diese WM zudem Seltenheitswert, weil der Startort

Kufstein nur 25 Kilometer von Samerberg entfernt liegt. Eine kurze Anreise hat er übrigens auch zum Chiemsee, den er in nächster Zeit zum Baden mit der Familie aufsuchen möchte. Doch er wird sich nur ein paar Tage Ruhe gönnen, ehe er

 

das Training für die nächsten Herausforderungen wieder forciert.

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