Freie Presse

Rä­der ste­hen still, al­le ban­gen um die Tour

 

Die ne­ga­ti­ven Fol­gen der Co­ro­na­kri­se sind im Pro­fi­rad­sport noch nicht absehbar, hal­ten sich der­zeit aber noch in Gren­zen. Die Bran­che hofft, dass die Tour de Fran­ce 2020 statt­fin­den kann – zur Not auch im Sep­tem­ber.

 

VON THO­MAS PREN­ZEL

 

CHEM­NITZ - Gan­ze vier Au­tos hat Radpro­fi Mar­cus Burg­hardt An­fang der Wo­che bei sei­ner an­dert­halb­stün­di­gen Trai­nings­aus­fahrt ge­zählt. Weit weg von zu Hau­se soll­te er sich auf­grund der Vorschriften in der Co­ro­na­kri­se in sei­nem baye­ri­schen Wohn­ort Sa­mer­berg nicht mehr be­we­gen. Und seit die­ser Wo­che darf er auch nur noch al­lein oder mit sei­ner Frau gemein­sam in die Pe­da­le tre­ten. An­de­re Trai­nings­part­ner an sei­ner Sei­te sind un­ter­sagt. „Mit Ma­ria fah­re ich mal lie­ber nicht, da gibt‘s nur un­nö­tig noch ei­ne Fa­mi­li­en­kri­se“, meint der ge­bür­ti­ge Zscho­pau­er und lacht.

Den Hu­mor hat der 36-Jäh­ri­ge noch nicht ver­lo­ren. Seit 20 Jah­ren als Rad­pro­fi er­lebt Burg­hardt sein ers­tes Früh­jahr da­heim. Un­ge­wohnt fühlt sich das an, denn die Klas­si­ker in die­ser Jah­res­zeit sind sein Me­tier. Als Edel­hel­fer im Renn­stall Bo­ra-hans­gro­he ge­nießt er u. a. bei Ka­pi­tän und Ex-Welt­meis­ter Pe­ter Sa­gan ho­he Wert­schät­zung. Kom­men­de Wo­che Sonn­tag stand die Flan­dern-Rund­fahrt auf dem Plan. Doch die „Ron­de“ wur­de wie al­le Klas­si­ker und Rund­fahr­ten, die bis An­fang Mai statt­fin­den soll­ten, ver­scho­ben. Tir­re­no – Adria­ti­co, Mai­land – San­re­mo, Pa­ris – Rou­baix, das Am­s­tel-Gold-Ra­ce, Eschborn – Frank­furt oder der Gi­ro d‘Ita­lia mit Start in Bu­da­pest fal­len in die­se Kategorie mit ei­nem mög­li­chen Nach­hol­ter­min. Die meis­ten klei­ne­ren Ren­nen wur­den da­ge­gen gleich ab­ge­sagt. Der Ka­len­der ist im ge­plan­ten Um­fang nicht zu hal­ten, auch wenn der Welt­ver­band UCI die Sai­son be­reits of­fi­zi­ell bis No­vem­ber ver­län­ger­te.

 

Der Ka­len­der im Pro­fi­rad­sport könn­te al­so wie in an­de­ren Som­mer­sport­ar­ten auch im Herbst aus al­len Näh­ten plat­zen. Exis­ten­zi­ell aber ver­hält es sich mit den Rad­pro­fis, zumin­dest in den gro­ßen Teams, et­was an­ders als bei den Kol­le­gen im Fuß­ball. Die Renn­stäl­le hän­gen nicht di­rekt am Tropf der TV-Sen­der und ge­ne­rie­ren auch kei­ne Ticket­ein­nah­men in Grö­ßen­ord­nun­gen. Burg­hardt und Co. prä­sen­tie­ren aber wäh­rend der Ren­nen die Spon­so­ren. Und dass sich po­ten­te Geld­ge­ber auf der Klei­dung fin­den, hat na­tür­lich mit der Fern­seh­prä­senz zu tun. So ru­hen die Hoff­nun­gen vor al­lem auf dem jähr­li­chen Sai­son­high­light. Die Tour de Fran­ce soll ge­plant am 27. Ju­ni in Niz­za star­ten. Dass ein lo­ka­ler Pro­du­zent von Ki­cher­erb­sen-Chips die Rech­te als of­fi­zi­el­ler För­de­rer des Grand De­part in Frank­reichs Ha­fen­stadt er­wor­ben hat, kann in die­sem Zusam­men­hang wohl nur Zu­fall sein.

 

Ralph Denk, der Team­chef des Bo­ra-Renn­stalls, konn­te sei­ne Spon­so­ren be­reits mit fünf Sai­son­sie­gen er­freu­en. Der Er­folg von Ma­xi­mi­li­an Schach­mann bei Pa­ris – Niz­za An­fang März (mit Hel­fer Burg­hardt im Team) wur­de me­di­al gut wahr­ge­nom­men. Doch mit der Auf­merk­sam­keit von Etap­pen­sie­gen bei der Tour ist das nicht ver­gleich­bar. Die Frankreich-Schlei­fe bil­det das Herz­stück des Rad­sports. „Ich den­ke, dass ei­ne Verlegung der Tour bis Sep­tem­ber mög­lich wä­re“, dach­te Ralph Denk im In­ter­net­por­tal „rad­sport-news.com“ schon mal laut nach. Der Ma­na­ger weiß aber auch: Das Wohl und We­he der Sport­art hängt nicht nur von ei­nem, wenn auch dem wich­tigs­ten Ren­nen ab. „Wenn der Ab­satz bei Spon­so­ren ein­bricht, könn­te es ei­ne neue Si­tua­ti­on ge­ben“, vermu­tet Denk. Heißt: Kom­men Un­ter­neh­men wirt­schaft­lich ins Schlin­gern, wird oft zunächst das Mar­ke­ting ge­kürzt, nicht sel­ten trifft es das Sport­spon­so­ring.

Doch so weit ist es zu­min­dest bei den World-Tour-Renn­stäl­len noch nicht. Des­halb herrscht das Prin­zip Hoff­nung, für Mar­cus Burg­hardt so­wie­so. Die Olym­pia-Ver­le­gung be­rührt den Edel­hel­fer per­sön­lich we­ni­ger, denn für den ex­tre­men Berg­kurs in To­kio hat­te er oh­ne­hin kei­ne Am­bi­tio­nen. Und so­lan­ge er mo­men­tan das Trai­ning noch im Frei­en aus­üben darf, hat er es im­mer noch bes­ser ab­ge­fasst als Team­kol­le­ge Pa­trick Gam­per. Er wohnt 30 Ki­lo­me­ter Luft­li­nie ent­fernt in Ös­ter­reich, darf das Haus aber nicht ver­las­sen und stram­pelt des­halb täg­lich auf der Ter­ras­se auf der Rol­le. Das wird auf Dau­er dop­pelt er­mü­dend. Es sei denn, es drin­gen auch mal so schö­ne Nach­rich­ten durch, die auch in die­sen Ta­gen ge­schrie­ben wer­den – so­gar im Rad­sport. Eli­se Chabbey näm­lich, die Schwei­ze­rin vom Team Big­la Ka­tu­sha, hat­te im Vor­jahr ihr Medizin­stu­di­um ab­ge­schlos­sen und woll­te sich in die­ser Sai­son nur noch dem Profiradsport wid­men. Doch die Co­ro­na­pan­de­mie hat sie ver­an­lasst, nun doch erst einmal in ihrem Be­ruf zu ar­bei­ten. An der Uni in Genf hilft die 26-Jäh­ri­ge als medizinische Prak­ti­kan­tin, wo im­mer es nö­tig ist. Scheint al­so was dran zu sein an der The­se, dass ei­nem beim Ra­deln gu­te Ge­dan­ken kom­men.

 

Bild:

Mar­cus­Burg­hardt

Rad­pro­fi vom Team Bo­ra-hans­gro­he

 

FO­TO: ROTH/AU­GENKLICK

 

Bild:

Eli­seChab­bey

Rad­sport­le­rin und me­di­zi­ni­sche Prak­ti­kan­tin

 

FO­TO: IMA­GO

 

Bild­text: Die schö­nen Bil­der aus dem Rad­sport soll es nach den Renn­ab­sa­gen bald wie­der ge­ben. Das Ar­chiv­bild zeigt Mar­cus Burg­hardt mit ei­nem Fan bei der Tour de Su­is­se, die als Vor­be­rei­tungs­ren­nen für die Tour de Fran­ce gilt. Im Vor­mo­nat hat­te sich der Erzge­bir­ger im Hö­hen­trai­nings­la­ger der Si­er­ra Ne­va­da vor­be­rei­tet. Nun heißt es, erst ein­mal wie­der run­ter­fah­ren.

 

FO­TO: HEN­NES ROTH

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