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Dem großen Traum ganz nahe

 

Als Profi erfolgreich zu sein, ist das große Ziel von Moritz Kretschy. Und der 21-jährige Radsportler aus Gelenau ist auf dem besten Weg, dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen. Nach tollen Auftritten bei U-23-Meisterschaften sorgt er nun in einem neuen Team für Furore.

 

Von Andreas Bauer

 

 

Gelenau - Nur gut, dass seine Freundin auch als Leistungssportlerin im Radsattel sitzt, sagt Moritz Kretschy: „Dadurch weiß sie selbst, wie hart man trainieren muss und wie flexibel man sein muss.“ Als der 21-Jährige Anfang dieser Woche einen Anruf erhielt, war das Verständnis daher groß. Noch schnell ein Abschiedskuss und auf ging’s nach Italien, da Kretschy von seinem neuen Team „Israel-Premier Tech“ kurzfristig ins Aufgebot für den Halbklassiker Milano-Torino berufen wurde. „Für mich ist das ein echtes Highlight, weil das Rennen so prestigeträchtig ist und live im Fernsehen gezeigt wird“, so der Gelenauer.

 

 

 

Selbst dürfte der Erzgebirger von den Kameras im Laufe der 180 Kilometer eher selten eingefangen werden, da er als einer der Jüngsten die Rolle des Unterstützers einnimmt. „Unser Ziel lautet, Ethan Vernon zum Sieg zu verhelfen“, so Kretschy. Bei der Ehrung dann im Schatten der Großen zu stehen, die zuvor lange den Windschatten ihrer Unterstützer genutzt haben, macht dem 21-Jährigen nichts aus. Sollte es für Vernon klappen, sieht sich auch Kretschy ganz oben: „Wir gewinnen als Team.“ Selbst wenn viele das nicht so sehen würden, so sei das Radfahren doch ein Mannschaftssport, denn „selbst der stärkste Fahrer wäre nichts ohne seine Helfer“.

 

Wie gut die Unterstützung funktionieren kann, hat der beim RSV 54 Venusberg groß gewordene Fahrer bereits beim ersten Höhepunkt der Saison gezeigt. Die über acht Etappen führende „Tour du Rwanda“ in Südafrika wurde für Kretschy trotz der enormen Hitze, der hohen Luftfeuchtigkeit und dem extrem bergigen Profil zu einer echten Erfolgsgeschichte. Nach Rang 2 im Teamzeitfahren schaffte es der Gelenauer bei drei Etappen in die Top Ten. Größer noch als die Freude über Rang 9 in der Gesamtwertung war aber am Ende der Jubel über den Sieg seines Teamkollegen Joe Blackmore.

Dass dieser am Ende vorn war, lag auch an Moritz Kretschy. Er wurde von einigen Radsport-Experten sogar als „Edelhelfer“ geadelt, der die Konkurrenz mental kaputt fahre. „Es kommt viel auf die Taktik an“, sagt der Sportler selbst. So habe er aufgrund seiner guten Position in der Gesamtwertung bewusst Attacken gestartet, ohne das Ziel allen davonzufahren. Diese Aktionen sollten die Hauptkonkurrenten von Blackmore einfach nur Kraft kosten. „Sie mussten ja an mir dran bleiben. Joe konnte sich derweil etwas ausruhen“, so der 21-Jährige schmunzelnd. Auf den eigenen Erfolg komme es nicht an: „Man muss sein Ego hinter sich lassen.“

 

Mit Christopher Froome gehört auch ein viermaliger Sieger der Tour de France zu Kretschys Teamkollegen. „Als Kind habe ich ihm zugejubelt, jetzt fahre ich an seiner Seite“, sagt der Gelenauer und kann es selbst kaum glauben. Bei einem Trainingslager im Januar habe er Froome und alle andere aus dem Team schon ziemlich gut kennengelernt. Keine Selbstverständlichkeit, denn eigentlich gehört der amtierende deutsche U-23-Meister aus Gelenau nur zum Development-Kader – junge Fahrer mit Perspektive, von denen vier bei den Profis reinschnuppern durften. Im Februar folgte das Trainingslager der Jüngeren, die aus aller Welt stammen – neben den USA sind viele europäische Länder, aber auch Australien und Neuseeland vertreten. „Wir sind ein bunter Haufen. Das macht es so angenehm“, sagt Kretschy: „Alle sind bodenständig, keiner sticht heraus.“

 

 

Ganz ohne herauszustechen, lässt sich der Profi-Traum aber nicht erfüllen. So dürfte im Fall des Talents aus dem Venusberger Marcus-Burghardt-Junior-Team neben den beiden nationalen U-23-Titeln auf der Straße und im Zeitfahren der 6. Platz bei der WM eine wichtige Rolle gespielt haben, um das Interesse ambitionierter Teams zu wecken. Diese Hürde hat Kretschy bereits gemeistert, mit guten Ergebnissen will er nun den nächsten Schritt vollziehen und sich für einen Profivertrag empfehlen. Nach dem Rennen Milano-Torino bieten sich am Wochenende in Frankreich zwei weitere Chancen. „Ich setze alles auf eine Karte“, sagt der 21-Jährige, der beruflich vorerst keinen Plan B hat. „Ganz oder gar nicht“, lautet das Motto Kretschys, der trotz des Drucks klarstellt: „Ich genieße diese Zeit.“