Der Tour einen Schritt näher
Als Helfer sollte Moritz Kretschy einem Teamkollegen bei der Tour du Rwanda zum Sieg verhelfen. Am Ende war es der Gelenauer Radfahrer, der bei der Etappenfahrt in Ostafrika im Gelben Trikot ins Ziel kam – und noch viel vorhat.
Von Andreas Bauer
Gelenau - Geplant war dieser Erfolg nicht. „Es hat sich so ergeben“, sagt Moritz Kretschy über den Gewinn der Tour du Rwanda, den größten Erfolg seiner bisherigen Karriere. Mit bescheidenen Zielen war der 23-jährige Radsportler, der beim RSV 54 Venusberg ausgebildet wurde und jetzt für das NSN Cycling Team aktiv ist, nach Ostafrika gereist. Während der acht Etappen der 18. UCI-Rundfahrt durch Ruanda, die für ihre anspruchsvollen Bergpassagen und die große Fan-Begeisterung am Straßenrand bekannt ist, war der Erzgebirger als Helfer vorgesehen. Sein Teamkollege Paul Marti sollte am Ende auf dem obersten Podest stehen. Aber es kam anders.
„Das war richtig harte Arbeit“, sagt Kretschy über die ersten drei Etappen, in denen der vorgegebene Plan voll aufging. Auch dank seiner Unterstützung gewann Marti die zweite Etappe und übernahm damit das Gelbe Trikot. Am Ende der acht Tage war das NSN Cycling Team mit insgesamt drei Tageserfolgen und insgesamt sieben Podestplätzen auch die bestimmende Mannschaft dieser Rundfahrt. Allerdings war es nicht der Favorit aus Spanien, der zum Toursieger gekürt wurde, sondern Kretschy.
Grundstein des Erfolgs war seine Leistung auf der vierten Etappe. „Da habe ich eine Freikarte bekommen“, erzählt der Erzgebirger. Weil es bei Marti nicht so lief und die anderen Teams taktisch vor neue Herausforderungen zu stellen, durfte der vermeintliche Helfer angreifen. Die Spitzengruppe, zu der Kretschy gehörte, setzte sich immer weiter vom Feld ab. „Es hat sich abgezeichnet, dass in der Gesamtwertung etwas für mich gehen könnte“, sagt Kretschy, der nach 3:05 Stunden und 128 schweren Kilometern als Zweiter ins Ziel kam. Zwar musste er den Tagessieg dem Belgier De Clercq überlassen, mit dem er auf den letzten Kilometern bei der Führungsarbeit gut harmonierte. Doch dank der starken Zeit konnte sich der Ex-Gelenauer über Gelb freuen.
Nun war es Kretschy, der auf den restlichen Etappen von den Teamkameraden große Unterstützung erhielt, und das Trikot des Spitzenreiters verteidigte. Ein weiterer Glanzpunkt gelang an Tag 7, als der 23-Jährige bei Regen die 147 Kilometer am Anschlag fuhr, erneut mit der Spitzengruppe enteilte und nach 3:20 Stunden als Tagesfünfter seine Gesamtführung ausbaute. Auch auf der schweren Schlussetappe, die zum Teil über den letztjährigen WM-Kurs führte, hatte Kretschy alles unter Kontrolle und machte mit Rang 25 seinen Gesamtsieg perfekt.
„Das ist gut fürs Selbstbewusstsein“, sagt der Erzgebirger über diesen Meilenstein, der ihn nicht automatisch in der Teamhierarchie klettern lässt. „Es wird sich zeigen, wie sich die Dinge entwickeln“, gibt sich Kretschy bescheiden. Gut möglich, dass er beim nächsten Mal erneut als Helfer gefragt ist. Zugleich ist die Hoffnung groß, „dass das Team noch mehr auf mich setzt“. Schließlich hat Moritz Kretschy noch viel vor. Wie fast jeder Radsportler träumt er von der Tour de France. Für die nächsten zwei Jahre sei ein Start noch kein realistisches Ziel. Frühestens 2028 könnte es klappen.
2030 will der Gelenauer, der in Chemnitz wohnt und täglich seine vielen Trainingskilometer abspult, aber auf jeden Fall dabei sein. Die Vision, dass die Tour dann in Sachsen starten und ihn direkt durch die Heimat führen könnte, lässt die Motivation wachsen. Der Teamname NSN, der vom Sport- und Unterhaltungskonzern des spanischen Fußball-Weltmeisters Andres Iniesta herrührt, ist für Kretschy das Motto: Never say Never – Sag niemals nie. Die Chance, die durch seinen Erfolg in Ruanda weiter gestiegen ist, will er unbedingt nutzen. Dabei ist ihm die Herausforderung durchaus bewusst. „Leistungssport ist kein einfaches Business“, so der 23-Jährige: „Viele scheitern, weil sie sich in schwierigen Phasen nicht durchbeißen.“
Sein älterer Bruder Florian hat sich nach vielversprechenden Erfolgen im Radsattel vom Leistungssport verabschiedet. Über einen Plan B habe auch Moritz Kretschy schon mal nachgedacht. Doch aktuell habe er seinen Plan B nicht mal im Hinterkopf. (anr)